Ich
denke, dass alles mit dem hängen gebliebenen Fahrstuhl angefangen
hat. Natürlich könnte das jetzt als sehr schlechter Einstieg in
eine mittelmäßige Kriminalromanze verstanden werden, aber so ist
das gar nicht gemeint. Es haben alle überlebt, es gibt keine Täter,
keine Opfer – es gibt nicht einmal eine Tat. Aber es gab da einen
Fahrstuhl, und der ist vorgestern hängen geblieben, zwischen
Erdgeschoss und erster Etage. Erst hat er angefangen zu quietschen,
ein paar Millisekunden später gab es einen Ruck, und danach öffnete
sich die Tür einen Spalt, ca. 10 cm. Durch diesen Spalt konnte ich
an der Decke das Parkett der ersten Etage erahnen – ich hatte es
also fast geschafft. Doch irgendwie wollte der Fahrstuhl nicht
weiter, und ich entschied mich, vielleicht etwas überstürzt, auf
dem Touchscreen herum zu fummeln. Ich wollte entweder den Alarm
auslösen und/oder eine andere Etage erreichen, aber diese bemalte
Glasscheibe hat einfach nur geblinkt. Das war mein absoluter
Tiefpunkt. Völlige Machtlosigkeit. Ich hätte es weniger demütigend
empfunden, wenn ich wenigstens auf einen richtigen Knopf hätte
drücken können. Aber das mit dem Touchscreen war mir eine
Meta-Ebene zu viel. Vielleicht sind das auch erste Anzeichen der
schleichenden Entfremdung von der technischen Entwicklung? Ich hab
kein Plan, das war mir auch egal, ich wollte da raus.
Irgendwie
hat das mittelmäßig funktioniert. Nach einigen Minuten fuhr der
Fahrstuhl nach unten, also Richtung Erdgeschoss. Die Anzeige
allerdings vermeldete auch hier die erste Etage. Ich hatte also die
Möglichkeit, in einem Erdgeschoss auszusteigen, dass laut Anzeige
die erste Etage hätte sein sollen, oder im Fahrstuhl zu warten, bis
sich die Welt um mich herum wieder sortiert hat. Auf einmal bekam ich
Angst, aus dem Fahrstuhl aus zu steigen. Mir erschien das zu
unsicher. Vielleicht würde das meine ganzes Leben verändern,
vielleicht würde das kosmische Gleichgewicht aus der Balance
gebracht werden, vielleicht würden weltweit erste Etage und
Erdgeschoss ineinander Fallen, und die ganzen schönen Hochhäuser
irgendwo in der Wüste wären auf einmal wieder kleiner. Das wollte
ich nicht. Sicher wäre das Ganze beim Burj Khalifa mit seinen 163
Etagen nicht aufgefallen, aber das Carlton Center in Johannesburg
hätte mit 49 statt 50 Etagen schon gelitten, zumal es gerne das
höchste Gebäude Afrikas wäre.
Ich
blieb also im Fahrstuhl und versuchte, in den real existierenden
ersten Stock zu fahren. Diesmal schien alles vernünftig sortiert zu
sein. Die Anzeige kündigte jene Etage an, an der der Fahrstuhl auch
halten sollte, und er blieb nicht einmal vorher stecken. Im
Gegenteil, er näherte sich lautlos, wie in einem
Science-Fiction-Film, der Destination, öffnete mit leichtem surren
die Flügeltüren und stolperte mich auf das ersehnte Parkett.
Spätestens hier hätte mir klar werden können, das etwas mit mir
nicht stimmte. Ich bin nämlich kein großer Freund von Science
Fiction. Mir sind Schwert-schwingende, primitive Tunika - Typen um
einiges sympathischer als Laserschwertschwingende Nicht-Tunika
Typen. Vielleicht liegt das auch nur an der Tunika. Egal. Nach diesem
Fahrstuhl – Stress habe ich mich erstmal dezent betrunken.
Irgendwie hat sich auch alles so strange angefühlt danach, als wenn
ich doch in der falschen Etage ausgestiegen wäre. Später bin ich
dann noch zu einem Vortrag über Identitäten Lateinamerikas
getorkelt, und auch dort war ich irgendwie fehl am Platz. War alles
auf Spanisch, und ich kann kein Spanisch. Aber Egal. Irgendwann hab
ich es dann doch noch nach Hause geschafft.
Nachdem
ich einen kompletten Tag im Bett verbracht habe, scheint sich alles
wieder zu normalisieren. Ich bin vorhin durch mein Wohnzimmer
gelaufen und habe bemerkt, dass es eigentlich sehr schön ist. Dann
dachte ich, dass es doch schön wäre, wenn auch mal öfters Menschen
vorbeikommen würden, mit denen man dann im schönen Wohnzimmer
sitzen kann. Nach dem ersten Anflug von sozialer Melancholie wurde
mir sofort klar, dass ich es hassen würde, wenn hier öfters
Menschen wären. Weil ich mich dann mit denen beschäftigen müsste.
So langsam komme ich also wieder klar. Nur, die nächste Zeit werde
ich sicher nicht mehr in einen Fahrstuhl steigen. (e)
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