Samstag, 29. September 2012

Etage NullKommaFünf


Ich denke, dass alles mit dem hängen gebliebenen Fahrstuhl angefangen hat. Natürlich könnte das jetzt als sehr schlechter Einstieg in eine mittelmäßige Kriminalromanze verstanden werden, aber so ist das gar nicht gemeint. Es haben alle überlebt, es gibt keine Täter, keine Opfer – es gibt nicht einmal eine Tat. Aber es gab da einen Fahrstuhl, und der ist vorgestern hängen geblieben, zwischen Erdgeschoss und erster Etage. Erst hat er angefangen zu quietschen, ein paar Millisekunden später gab es einen Ruck, und danach öffnete sich die Tür einen Spalt, ca. 10 cm. Durch diesen Spalt konnte ich an der Decke das Parkett der ersten Etage erahnen – ich hatte es also fast geschafft. Doch irgendwie wollte der Fahrstuhl nicht weiter, und ich entschied mich, vielleicht etwas überstürzt, auf dem Touchscreen herum zu fummeln. Ich wollte entweder den Alarm auslösen und/oder eine andere Etage erreichen, aber diese bemalte Glasscheibe hat einfach nur geblinkt. Das war mein absoluter Tiefpunkt. Völlige Machtlosigkeit. Ich hätte es weniger demütigend empfunden, wenn ich wenigstens auf einen richtigen Knopf hätte drücken können. Aber das mit dem Touchscreen war mir eine Meta-Ebene zu viel. Vielleicht sind das auch erste Anzeichen der schleichenden Entfremdung von der technischen Entwicklung? Ich hab kein Plan, das war mir auch egal, ich wollte da raus.
Irgendwie hat das mittelmäßig funktioniert. Nach einigen Minuten fuhr der Fahrstuhl nach unten, also Richtung Erdgeschoss. Die Anzeige allerdings vermeldete auch hier die erste Etage. Ich hatte also die Möglichkeit, in einem Erdgeschoss auszusteigen, dass laut Anzeige die erste Etage hätte sein sollen, oder im Fahrstuhl zu warten, bis sich die Welt um mich herum wieder sortiert hat. Auf einmal bekam ich Angst, aus dem Fahrstuhl aus zu steigen. Mir erschien das zu unsicher. Vielleicht würde das meine ganzes Leben verändern, vielleicht würde das kosmische Gleichgewicht aus der Balance gebracht werden, vielleicht würden weltweit erste Etage und Erdgeschoss ineinander Fallen, und die ganzen schönen Hochhäuser irgendwo in der Wüste wären auf einmal wieder kleiner. Das wollte ich nicht. Sicher wäre das Ganze beim Burj Khalifa mit seinen 163 Etagen nicht aufgefallen, aber das Carlton Center in Johannesburg hätte mit 49 statt 50 Etagen schon gelitten, zumal es gerne das höchste Gebäude Afrikas wäre.
Ich blieb also im Fahrstuhl und versuchte, in den real existierenden ersten Stock zu fahren. Diesmal schien alles vernünftig sortiert zu sein. Die Anzeige kündigte jene Etage an, an der der Fahrstuhl auch halten sollte, und er blieb nicht einmal vorher stecken. Im Gegenteil, er näherte sich lautlos, wie in einem Science-Fiction-Film, der Destination, öffnete mit leichtem surren die Flügeltüren und stolperte mich auf das ersehnte Parkett. Spätestens hier hätte mir klar werden können, das etwas mit mir nicht stimmte. Ich bin nämlich kein großer Freund von Science Fiction. Mir sind Schwert-schwingende, primitive Tunika - Typen um einiges sympathischer als Laserschwertschwingende Nicht-Tunika Typen. Vielleicht liegt das auch nur an der Tunika. Egal. Nach diesem Fahrstuhl – Stress habe ich mich erstmal dezent betrunken. Irgendwie hat sich auch alles so strange angefühlt danach, als wenn ich doch in der falschen Etage ausgestiegen wäre. Später bin ich dann noch zu einem Vortrag über Identitäten Lateinamerikas getorkelt, und auch dort war ich irgendwie fehl am Platz. War alles auf Spanisch, und ich kann kein Spanisch. Aber Egal. Irgendwann hab ich es dann doch noch nach Hause geschafft.
Nachdem ich einen kompletten Tag im Bett verbracht habe, scheint sich alles wieder zu normalisieren. Ich bin vorhin durch mein Wohnzimmer gelaufen und habe bemerkt, dass es eigentlich sehr schön ist. Dann dachte ich, dass es doch schön wäre, wenn auch mal öfters Menschen vorbeikommen würden, mit denen man dann im schönen Wohnzimmer sitzen kann. Nach dem ersten Anflug von sozialer Melancholie wurde mir sofort klar, dass ich es hassen würde, wenn hier öfters Menschen wären. Weil ich mich dann mit denen beschäftigen müsste. So langsam komme ich also wieder klar. Nur, die nächste Zeit werde ich sicher nicht mehr in einen Fahrstuhl steigen. (e)

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