Es ist kalt, ein wenig nass und ich
lauf die Treppen hoch zur S-Bahnhaltestelle. Und da ist sie schon,
die S11. Perfekt, ich spring rein. Es ist so neun, halb zehn, ich hab
die Nacht nicht gerade viel geschlafen, falle mit meinem Kopf auf den
Bass und schau mit halb geschlossenen Augen aus dem Fenster raus.
Alles verschwimmt, ich erkenne das absolute Herbstchaos, irre Farben
rauschen an mir vorbei. Zwischendurch gibt’s Haltestellenansagen
und ich wunder mich nach jeder weiteren Station, wann eigentlich
endlich der Hauptbahnhof erwähnt wird. Müsst ich da nicht schon
längst dran vorbei sein? Aber ist mir egal, ich fahr auch gern so
durch die Gegend. Die Farben würden sich eh nicht großartig ändern
und so lang scheiß ich drauf wo ich genau bin.
Irgendwann setzt sich eine Frau direkt
vor mich auf die leere Sitzreihe. Durch meinen Wimpernschleier
erkenn ich zumindest die rot-weiße Signalfarben der deutschen Bahn
auf ihrem Namensschild. Die erscheinen irgendwie nicht so
abenteuerlich wild wie die Farbpalette von draußen, sondern reihen
sich kläglich in die grauen Wagonwände ein.
„Ihren Fahrausweis bitte“. Ich bin
ein wenig überrascht, dass sie sich für diese Veranstaltung extra
gesetzt hat, hole ihn aber hervor. Sie schaut kurz drauf, blickt auf
ein Formular und trägt was ein. Fahrgast 37 an diesem Tag hat mir
den Fahrausweis gezeigt oder was? „Wo sind Sie eingestiegen und wo
steigen Sie aus?“ Ich starre sie an. Was soll das denn jetzt.
„Machen Sie hier eine Umfrage oder was?“ raune ich sie an.
Unsicherheit kommt in mir hoch. Warum setzt die sich einfach vor mich
und kommt ohne Vorwarnung mit nem Fragenkatalog um die Ecke?
„Ja“, lächelt sie wie
selbstverständlich. Der deutsche Bürger hat für gewöhnlich Angst.
Ich auch. Angst vor Schlangen, Angst vor Fahrraddieben, Angst davor,
keinen Parkplatz zu finden, Angst vor Störung der Nachtruhe, Angst
davor dass es abends um sechs im Supermarkt kein Hackfleisch mehr
gibt und vor allem Angst vor persönlichen Fragen. Was wollten die in
der Vergangenheit nicht schon alles über uns wissen? Ob wir keine
Juden sind, keine Kommunisten, nicht homosexuell, dann ob wir keine
Nationalsozialisten sind, keine Terroristen, vielleicht doch
Kommunisten, vielleicht auch doch homosexuell und ob wir das nicht
kundtun wollen, wie viel Fernseher wir zu Hause haben und ob wir
schon gezahlt haben, ob wir privatversichert sind? Ich hab diese
ganze Angst vor gefährlichen Fragen in meinem Unterbewusstsein, in
meinen Genen, jedes mal, wenn mich irgendjemand anhaut in der Stadt
„Entschuldigung....könnte ich Sie..“, rattert bei mir in
Sekundenschnelle das gesamte Leben meiner Eltern, meiner Oma, meines
Urgroßvaters in meiner DNA auf und ab, meine Synapsen lösen rote
Alarmglocken aus, mein Puls schlägt sich ins Nirwana, Achtung,
Achtung, gefährliche Frage, persönlich, gleich, sehr nah dran,
aufpassen bitte!
Das gleiche finde ich bei meinen
Mitbürgern, kurz nachdem ich sie angesprochen hab, „Entschuldigung,
könnte ich Sie...“, wild fremde Menschen, für Millisekunden
irritiert von meiner Annäherung, innere Selbstzweifel plagen sie: „
Scheiße, jetzt will die gleich, dass ich was spende, ich hab doch
schon mal gespendet, vor fünf Jahren oder so, für den WWF, das
erzähl ich der gleich, dass bei mir echt nix mehr zu holen ist und
dass ich mich schon anderweitig engagier, nur weil ich gerad kein
Geld hab, leb ich ja nicht ohne Moral, oder ich sag einfach, ich hab
gerad keine Zeit...“
„..kurz nach dem Weg fragen?“ Puh.
Gott sei Dank. Ich freu mich jedes mal, wenn ich die Erleichterung in
ihren Augen erkenne, die plötzliche Entspannung ihrer
Gesichtsmuskeln, der langsame Übergang zu einem Lächeln, das
befreite Lächeln nach einer unangenehmen Situation. Alles hat sich
zum Guten gewendet.
Bis dahin bin ich mit dieser Frau noch
nicht gekommen. Es gibt keinen Grund dafür, dass sich meine Angst
auflöst. Die meint es ernst mit mir und der Fragebogen ist noch
nicht ausgefüllt.
„Aber das wären auch die einzigen
beiden Fragen“.
Na schön. Ich hab Mitleid mit der
Frau. Wahrscheinlich hat sie sich nicht ohne Grund ohne Vorwarnung
gesetzt. Sie weiß sehr wohl dass sie für gewöhnlich mit der Frage
nach Fragen bei mir und meinen Mitbürgern wohl nicht weit kommt,
deswegen legt sie einfach los. „Also, wo steigen Sie aus?“
Ich schau auf die Anzeigetafel.
'Volkhovener Weg' leuchtet dort in roten digitalen Lettern. Ich glaub
das mit dem Hauptbahnhof kann ich vergessen.
„Ich weiß eigentlich gar nicht,
wohin ich fahre. Ich fahre einfach so.“ sage ich schließlich.
„Aha.“ bemerkt die Frau mit den
mit Abstand langweiligsten Farben auf dieser Zugfahrt ein wenig
argwöhnig, bemustert mich kritisch um dann wieder auf ihr Formular
zu schielen und irgendetwas hinein zu kritzeln. Kritzeln muss sie
wahrscheinlich, weils für meine Antwort kein Kästchen gibt. Die
Haltestelle „einfach so“ wird da wohl nicht angezeigt. Meine
Unsicherheit kommt wieder hoch. War das jetzt so komisch, dass man
mich dafür so angucken muss? Sie hat die Scheißfrage gestellt,
nicht ich. Trotzdem fühl ich mich blöd. Ich muss das aufklären.
„Ich glaub ich fahr auch gerad in die falsche Richtung.“ sage ich
und versuche dabei so seriös wie möglich zu gucken. Das kann ja
jedem mal passieren. Dann fährt man auch gerne noch weiter und guckt
einfach so raus. Direkt fällt mir auf, dass meine Zusatzinformation
es nicht besser macht. Zumindest scheint das alles ihr Misstrauen nur noch
zu verstärken. Ehrlichkeit währt am längsten, aber für ein kurzes
Fragenintermezzo scheint sie nicht angebracht zu sein. Mir dämmert, dass es so etwas wie vorgefertigte
Fragen und vorgefertigte Antworten gibt, die auf ganzer Linie legitim
sind und über die man nicht weiter nachdenken muss. Meine Antwort
hat da definitiv nicht reingepasst. Das verrät ihr Gesicht.
Indem es sich plötzlich in das eines
sorgenvollen Rettungsdienstlers verwandelt, der einen nach einer
Alkoholvergiftung am Straßenrand aufgabelt. „Aber Sie sind schon
am Hauptbahnhof eingestiegen?“ „Bitte?“ Meine Synapsen im Kopf
räkeln sich kurz im Weißwein von letzter Nacht hin und her. Ich
weiß es plötzlich nicht mehr. Die Frau verwirrt mich total. Was
macht die hier? Ich will wieder das Herbstchaos von draußen sehen,
das verschwommene Licht passt gerad besser zu meinem Innern als die
schwarzweiß Fragen von meinem Gegenüber. „Nee, am Hansaring.“
fällt es mir schließlich wieder ein. „Soso“ flüstert sie wie
zu sich selbst, hebt die Augenbrauen und kritzelt wieder was auf ihr
Formular. Dann packt sie das Ding zusammen, steht auf und quetscht
meine Sitznachbarn in der nächsten Reihe aus.
Die Fragestunde ihrerseits ist beendet,
aber urplötzlich tauchen bei mir ziemlich viele von den Dingern auf.
Was mach ich hier? Warum fahr ich hier
einfach so in der Gegend rum? Noch dazu in dem Bewusstsein, in die
falsche Richtung zu fahren. Mich kaum noch daran erinnern zu können,
wo ich eigentlich eingestiegen war. Und so weiter.
Muss das jetzt sein? Stellt man sich
diese Fragen für gewöhnlich nicht erst nach dem Rausch?
Bis zu dem Zeitpunkt als diese Frau
sich zu mir setzte, war mir das eigentlich alles egal gewesen. Es
hatte sich gut angefühlt, einfach so zu fahren. Auf einmal fühle
ich mich wie eine Erbse in einer Bohnensuppe, mit dem Bewusstsein,
hier nicht hinzugehören, obwohl ich doch ganz ähnlich ausseh. Nur
vielleicht ein bisschen pürierter im Vergleich. Aber das liegt nur
an der temporären Gehirnauflösung.
Ich blicke mich um. Da sind ziemlich
viele Leute. Mit Taschen, Rucksäcken, Handys an den Ohren, Laptops
auf dem Schoß. Sehen sehr beschäftigt aus. Wissen die alle, wo sie
aussteigen? Wissen die, wo sie eigentlich hin wollen? Warum sie in
dieser beknackten Bahn sitzen? Oder haben die nur einen Plan davon,
wie man Fragen beantwortet, ohne sie wirklich zu beantworten, wie man
Zeiten, Namen und Orte nennt, wie man sich in dem legitimen
Frageantwortspiel zurecht findet.
Zumindest in dem Rahmen von ein paar
Stunden scheinen sie zu wissen, was sie wo tun. Und solang man das
weiß, scheint die Welt für alle in Ordnung zu sein.
Und Sonntag Abend trifft man sich
wieder gemeinsam zum Tatort schauen.
(b)