Sonntag, 28. Oktober 2012

Einfach so.

Es ist kalt, ein wenig nass und ich lauf die Treppen hoch zur S-Bahnhaltestelle. Und da ist sie schon, die S11. Perfekt, ich spring rein. Es ist so neun, halb zehn, ich hab die Nacht nicht gerade viel geschlafen, falle mit meinem Kopf auf den Bass und schau mit halb geschlossenen Augen aus dem Fenster raus. Alles verschwimmt, ich erkenne das absolute Herbstchaos, irre Farben rauschen an mir vorbei. Zwischendurch gibt’s Haltestellenansagen und ich wunder mich nach jeder weiteren Station, wann eigentlich endlich der Hauptbahnhof erwähnt wird. Müsst ich da nicht schon längst dran vorbei sein? Aber ist mir egal, ich fahr auch gern so durch die Gegend. Die Farben würden sich eh nicht großartig ändern und so lang scheiß ich drauf wo ich genau bin.
Irgendwann setzt sich eine Frau direkt vor mich auf die leere Sitzreihe. Durch meinen Wimpernschleier erkenn ich zumindest die rot-weiße Signalfarben der deutschen Bahn auf ihrem Namensschild. Die erscheinen irgendwie nicht so abenteuerlich wild wie die Farbpalette von draußen, sondern reihen sich kläglich in die grauen Wagonwände ein.
„Ihren Fahrausweis bitte“. Ich bin ein wenig überrascht, dass sie sich für diese Veranstaltung extra gesetzt hat, hole ihn aber hervor. Sie schaut kurz drauf, blickt auf ein Formular und trägt was ein. Fahrgast 37 an diesem Tag hat mir den Fahrausweis gezeigt oder was? „Wo sind Sie eingestiegen und wo steigen Sie aus?“ Ich starre sie an. Was soll das denn jetzt. „Machen Sie hier eine Umfrage oder was?“ raune ich sie an. Unsicherheit kommt in mir hoch. Warum setzt die sich einfach vor mich und kommt ohne Vorwarnung mit nem Fragenkatalog um die Ecke?
„Ja“, lächelt sie wie selbstverständlich. Der deutsche Bürger hat für gewöhnlich Angst. Ich auch. Angst vor Schlangen, Angst vor Fahrraddieben, Angst davor, keinen Parkplatz zu finden, Angst vor Störung der Nachtruhe, Angst davor dass es abends um sechs im Supermarkt kein Hackfleisch mehr gibt und vor allem Angst vor persönlichen Fragen. Was wollten die in der Vergangenheit nicht schon alles über uns wissen? Ob wir keine Juden sind, keine Kommunisten, nicht homosexuell, dann ob wir keine Nationalsozialisten sind, keine Terroristen, vielleicht doch Kommunisten, vielleicht auch doch homosexuell und ob wir das nicht kundtun wollen, wie viel Fernseher wir zu Hause haben und ob wir schon gezahlt haben, ob wir privatversichert sind? Ich hab diese ganze Angst vor gefährlichen Fragen in meinem Unterbewusstsein, in meinen Genen, jedes mal, wenn mich irgendjemand anhaut in der Stadt „Entschuldigung....könnte ich Sie..“, rattert bei mir in Sekundenschnelle das gesamte Leben meiner Eltern, meiner Oma, meines Urgroßvaters in meiner DNA auf und ab, meine Synapsen lösen rote Alarmglocken aus, mein Puls schlägt sich ins Nirwana, Achtung, Achtung, gefährliche Frage, persönlich, gleich, sehr nah dran, aufpassen bitte!
Das gleiche finde ich bei meinen Mitbürgern, kurz nachdem ich sie angesprochen hab, „Entschuldigung, könnte ich Sie...“, wild fremde Menschen, für Millisekunden irritiert von meiner Annäherung, innere Selbstzweifel plagen sie: „ Scheiße, jetzt will die gleich, dass ich was spende, ich hab doch schon mal gespendet, vor fünf Jahren oder so, für den WWF, das erzähl ich der gleich, dass bei mir echt nix mehr zu holen ist und dass ich mich schon anderweitig engagier, nur weil ich gerad kein Geld hab, leb ich ja nicht ohne Moral, oder ich sag einfach, ich hab gerad keine Zeit...“
„..kurz nach dem Weg fragen?“ Puh. Gott sei Dank. Ich freu mich jedes mal, wenn ich die Erleichterung in ihren Augen erkenne, die plötzliche Entspannung ihrer Gesichtsmuskeln, der langsame Übergang zu einem Lächeln, das befreite Lächeln nach einer unangenehmen Situation. Alles hat sich zum Guten gewendet.
Bis dahin bin ich mit dieser Frau noch nicht gekommen. Es gibt keinen Grund dafür, dass sich meine Angst auflöst. Die meint es ernst mit mir und der Fragebogen ist noch nicht ausgefüllt.
„Aber das wären auch die einzigen beiden Fragen“.
Na schön. Ich hab Mitleid mit der Frau. Wahrscheinlich hat sie sich nicht ohne Grund ohne Vorwarnung gesetzt. Sie weiß sehr wohl dass sie für gewöhnlich mit der Frage nach Fragen bei mir und meinen Mitbürgern wohl nicht weit kommt, deswegen legt sie einfach los. „Also, wo steigen Sie aus?“
Ich schau auf die Anzeigetafel. 'Volkhovener Weg' leuchtet dort in roten digitalen Lettern. Ich glaub das mit dem Hauptbahnhof kann ich vergessen.
„Ich weiß eigentlich gar nicht, wohin ich fahre. Ich fahre einfach so.“ sage ich schließlich.
„Aha.“ bemerkt die Frau mit den mit Abstand langweiligsten Farben auf dieser Zugfahrt ein wenig argwöhnig, bemustert mich kritisch um dann wieder auf ihr Formular zu schielen und irgendetwas hinein zu kritzeln. Kritzeln muss sie wahrscheinlich, weils für meine Antwort kein Kästchen gibt. Die Haltestelle „einfach so“ wird da wohl nicht angezeigt. Meine Unsicherheit kommt wieder hoch. War das jetzt so komisch, dass man mich dafür so angucken muss? Sie hat die Scheißfrage gestellt, nicht ich. Trotzdem fühl ich mich blöd. Ich muss das aufklären. „Ich glaub ich fahr auch gerad in die falsche Richtung.“ sage ich und versuche dabei so seriös wie möglich zu gucken. Das kann ja jedem mal passieren. Dann fährt man auch gerne noch weiter und guckt einfach so raus. Direkt fällt mir auf, dass meine Zusatzinformation es nicht besser macht. Zumindest scheint das alles ihr Misstrauen nur noch zu verstärken. Ehrlichkeit währt am längsten, aber für ein kurzes Fragenintermezzo scheint sie nicht angebracht zu sein. Mir dämmert, dass es so etwas wie vorgefertigte Fragen und vorgefertigte Antworten gibt, die auf ganzer Linie legitim sind und über die man nicht weiter nachdenken muss. Meine Antwort hat da definitiv nicht reingepasst. Das verrät ihr Gesicht.
Indem es sich plötzlich in das eines sorgenvollen Rettungsdienstlers verwandelt, der einen nach einer Alkoholvergiftung am Straßenrand aufgabelt. „Aber Sie sind schon am Hauptbahnhof eingestiegen?“ „Bitte?“ Meine Synapsen im Kopf räkeln sich kurz im Weißwein von letzter Nacht hin und her. Ich weiß es plötzlich nicht mehr. Die Frau verwirrt mich total. Was macht die hier? Ich will wieder das Herbstchaos von draußen sehen, das verschwommene Licht passt gerad besser zu meinem Innern als die schwarzweiß Fragen von meinem Gegenüber. „Nee, am Hansaring.“ fällt es mir schließlich wieder ein. „Soso“ flüstert sie wie zu sich selbst, hebt die Augenbrauen und kritzelt wieder was auf ihr Formular. Dann packt sie das Ding zusammen, steht auf und quetscht meine Sitznachbarn in der nächsten Reihe aus.
Die Fragestunde ihrerseits ist beendet, aber urplötzlich tauchen bei mir ziemlich viele von den Dingern auf.
Was mach ich hier? Warum fahr ich hier einfach so in der Gegend rum? Noch dazu in dem Bewusstsein, in die falsche Richtung zu fahren. Mich kaum noch daran erinnern zu können, wo ich eigentlich eingestiegen war. Und so weiter.
Muss das jetzt sein? Stellt man sich diese Fragen für gewöhnlich nicht erst nach dem Rausch?
Bis zu dem Zeitpunkt als diese Frau sich zu mir setzte, war mir das eigentlich alles egal gewesen. Es hatte sich gut angefühlt, einfach so zu fahren. Auf einmal fühle ich mich wie eine Erbse in einer Bohnensuppe, mit dem Bewusstsein, hier nicht hinzugehören, obwohl ich doch ganz ähnlich ausseh. Nur vielleicht ein bisschen pürierter im Vergleich. Aber das liegt nur an der temporären Gehirnauflösung.
Ich blicke mich um. Da sind ziemlich viele Leute. Mit Taschen, Rucksäcken, Handys an den Ohren, Laptops auf dem Schoß. Sehen sehr beschäftigt aus. Wissen die alle, wo sie aussteigen? Wissen die, wo sie eigentlich hin wollen? Warum sie in dieser beknackten Bahn sitzen? Oder haben die nur einen Plan davon, wie man Fragen beantwortet, ohne sie wirklich zu beantworten, wie man Zeiten, Namen und Orte nennt, wie man sich in dem legitimen Frageantwortspiel zurecht findet.
Zumindest in dem Rahmen von ein paar Stunden scheinen sie zu wissen, was sie wo tun. Und solang man das weiß, scheint die Welt für alle in Ordnung zu sein.
Und Sonntag Abend trifft man sich wieder gemeinsam zum Tatort schauen. 

(b)